Mehr Geschwindigkeit gleich bessere Präzision?

Kürzlich bekam ich einen Telefonanruf von Reinhard Lang. Reinhard Lang wurde 2015 in Bisley (UK) Europameister F-Class Open und ist entsprechend ein ausgewiesener Spitzenschütze. Doch zurück zum Telefongespräch. Er hat mir von einer .308 Win Anwendung mit RS52 auf 300m erzählt und war äusserst angetan von der erreichten Präzision. Ohne Verstellung der Visierung streuten 7 Schüsse 22mm in der Höhe. Die Seitenstreuung war noch geringer. Der Schütze hat mir dann kurze Zeit später die Laborierung zukommen lassen:

Lauf: Krieger mit Drall 11, 650mm lang

Geschoss: Berger Target Hybrid 168gr

Zündhütchen: Federal Champion

Pulver: RS52, 43,8gr

COL: 73mm

Geschwindigkeit: 822m/s (gemessen)

Wenn ich mir die Rezeptur ansehe, so fallen 2 Dinge auf. Die Patrone ist leicht über CIP Länge gefertigt (hier 73mm; CIP 71.12mm). Über die Bedeutung der Patronenlänge haben wir schon in anderen Artikeln philosophiert. Dann fällt mir die moderate, ausgewogene Ladung von 43.8 grain RS52 auf. Problemlos könnte man hier, ohne dass ein grosses Sicherheitsrisiko eingegangen würde, noch 2 grain nach oben gehen. Damit bin ich beim Kern meiner Gedanken: Ist eine gestreckte Flugbahn immer auch gleichbedeutend mit mehr Präzision? Mein Eindruck: In manchen Fällen ja, aber auch in vielen Fällen nein. Aus unserer Sicht ist immer das Gesamtsystem Waffe, Munition und Antrieb involviert. Wir postulieren, dass der Antrieb, bestehend aus Anzündung und Treibladungspulver, ungefähr ein Drittel ausmacht. Oft sehen wir Rezepturen, welche mit moderaten Ladungen sehr präzise Ergebnisse liefern; dann und wann sehen wir auch Patronen, welche trotz höchster Leistung bezüglich Präzision immer noch Wünsche offen lassen. Diese Zeilen sollen auch ein Plädoyer für die einbasigen Pulver sein (RS12, RS20, RS30, RS36, RS50, RS62) welche zwar etwas weniger Leistung zeigen, aber trotzdem hervorragende Präzision bringen können.

Abrunden möchte ich meinen Artikel mit einem Gedanken zum populären Kaliber 6.5 Creedmoor. Hier steht das RS60 für eine gestreckte Flugbahn, höchste Leistung und sehr gute Präzision. Aber auch das RS62 ist sehr populär und hat zu sehr schönen Schussbildern geführt. Eine gestreckte Flugbahn mit hoher Anfangsgeschwindigkeit kann, muss sich aber nicht zwingend positiv auswirken. Manchmal ist auch in unserem Metier weniger mehr.

Ich hoffe, diese Gedanken helfen Euch, Eure Munition noch präziser zu machen. Viel Spass beim Tüfteln und Schiessen wünsche ich Euch.

Viele Grüsse aus Wimmis

Dominik Antenen